|
Health haben im Musikjahr 2009 deutliche Spuren hinterlassen. Ihr Zweitwerk Get Colour avancierte zum Kritikerliebling, sie waren von den wichtigen Festivals nicht wegzudenken, und auch in den Clubs war die Resonanz keine unerhebliche. Das ist auf dem ersten Blick schon etwas erstaunlich, denn machen die vier aus Los Angeles alles andere als einfach zu verdauende Unterhaltungsmusik. Plötzlich, so scheint es, ist Noise wieder en vouge, auch wenn dieser hier nur ein Teil des Ganzen ist. Der Erfolg von Künstern wie den Fuck Buttons oder Dan Deacon sprechen jedenfalls für sich.
Health, so stellt sich im Gespräch mit Gitarrist und Sänger Jake Duzsik heraus, sind eine Band, die genau wissen was sie wollen, und in neurotischer Akribie ihr gesamtes Schaffen zu perfektionieren versuchen. Eine Band, von der man noch einiges Erwarten kann.
Ich hatte das Vergnügen, euch dieses Jahr beim Pukkelopop zu sehen. Es war eine gute Show, aber ich hatte das Gefühl, ihr wart selber nicht so zufrieden.
Oh, es war eine gute Show. Nur mir ist da mal wieder die hohe Gitarrenseite gerissen, zum dritten oder vierten Mal auf der Tour in Europa, und ich hatte keine Back-Up Gitarre dabei. Ich war wirklich angepisst. Die Show war toll, die Leute waren toll, ein super Festival, und wir hatte sehr viel Spass. Das hatte mich halt nur frustriert. Ich denke manchmal sehe grade ich so aus als wäre ich nicht glücklich, aber ich habe eine gute Zeit.
Ihr seid da also sehr perfektioniert unterwegs, wenn es um die Live Shows geht?
Ja, wir sind da wirklich relativ schnell sehr negativ. Wir sind definitiv etwas neurotisch in Hinsicht auf unsere Shows.
Euer neues Album ist relativ anders als euer erstes Album, man kann es aber nicht so leicht in Worte fassen. Es scheint mir nicht einfach nur etwas krachiger oder etwas poppiger zu sein.
Nun, beim ersten Album ging es in der Hauptsache noch darum herauszufinden was für eine Art Band wir sind. Bei unseren ersten Shows waren wir eine sehr laute Band, und wir spielten meist im Underground, DIY Shows in Galerien oder Lagerhallen. Man konnte noch nicht mal die Vocals hören. Als wir die dann auf dem Album hatten, gab es ein völlig neues Verständnis davon was uns als Band ausmacht. Als wir mit dem Album auf Tour waren, aber wir vieles an uns selbst entdeckt. Wir sind mit vielen Sachen selbstbewusster geworden. Ich würde sagen, das zweite Album hat mehr Wiederholungen. Es hat mehr Struktur, mehr persönliche Songs, die sich wiederholen, ein bischen mehr wie traditionelle Songs das tun. Und es gibt mehr Melodisches auf dem Album. Und mehr Gesang. Es ist kein einfaches Album, es ist immer noch noisy und herausfordernd, aber ich denke das neue Album ist einfach melodischer, man kann es in dem Sinne einfacher verfolgen.
Euer Sound und Style auf beiden Alben ist ziemlich ungewöhnlich, er ist nicht definierbar retro, folgt aber auch nicht wirklich einem aktuellen Trend. Wo habt ihr überhaupt die Grundlagen und Einflüsse für das was ihr da tut gefunden?
Anfangs haben wir mehr so einen Post Punk, kantige Gitarren Sound gemacht. Als wir mit der Band anfingen, so Mitte der 2000'er Jahre, war das grade ziemlich angesagt. Nicht das wir auf einen Zug aufspringen wollten, aber alle hörten damals Post Punk, und das war ziemlich inspirierend. Wir kamen dann aber darauf, dass das nicht wirklich das war, was wir wollten, da alle es machten. Und uns war es wichtig als neue Band relevant zu sein. Wir fingen an in Undergroundschuppen zu gehen, es gab da eine Noise Szene in LA. Wir wollten nicht als Band bekannt werden, wir wollten nur eine gute Band sein, und zu der Zeit war es für uns schon toll coole Shows zu spielen, auch wenn nur 10 oder 15 Leute da waren. Wir wollten auf jeden Fall physisch aggressive Musik machen, laut, Musik die rockt, die dich trifft. Eine Band die da großen Einfluss hatte sind die Ex Models. Sehr ruppig, aber auch etwas mathematisch, in gewisser Hinsicht. Wir haben eben nicht mit einer Vorgabe als Band angefangen. Das hat sich entwickelt. Diese ganzen Elemente kamen dazu, von Song zu Song. Als wir zum Beispiel dachten, dass an einer Stelle ein bischen Percussion hin könnte, und wir so herausfanden, dass unser Drummer ja ein ziemliches Tier sein kann, mit diesen Tribal Beats. Jedes dieser Elemente hat beeinflusst was für eine Band wir geworden sind. Es war definitiv ein schrittweiser Prozess, es gab keine direkte Entscheidung was genau wir machen wollen.
Wie würdest du euer Songwriting beschreiben, ist es eher eine Konstruktion, ein zusammenfügen vieler Ideen, oder habt ihr eher einen natürlichen Flow, aus dem die Songs enstehen?
Das läuft mal so und mal so. Das hängt vom Song ab. Bei den frühen Songs haben wir sehr strukturiert gearbeitet, jemand kommt mit einem Konzept, und hat eine genaue Vorstellung wie der Songs sein soll. Es fängt zum Beispiel ziemlich verrückt an, dann gibt es einen Tanzbeat, und dann fangen die Gitarren an, und wir arbeiten tagelang daran, wie wir die Gitarren passend dazu gestalten könnten. Es kann aber auch Songs geben, die auf einem Drumbeat basieren, die Percussions halten alles zusammen, und von dem Ausgangspunkt ensteht der Rest. Es könnte dann etwas fließender sein. Und manchmal schreiben wir Songs die auf einen einzelnen Effekt basieren, wir stolpern über einen Sound denn wir sehr interessant finden, dann versuchen wir eine Song-Idee darauf zu basieren. Es hängt immer davon ab wie es grad kommt. Wir sind inzwischen in der Lage, effizienter Songs zu schreiben, weniger Schmerz, weniger Probleme in der Kommunikation.
Euer Gesang funktioniert eher wie ein weiteres Instrument als ein lyrischer Output. Aber worüber singt ihr? Gibt es überhaupt richtige Texte? Sie sind eben kaum zu verstehen.
Es gibt in der Tat richtige Texte, und sie sind konzeptionell ziemlich konsistent. Ich denke wir werden einfach die Texte der beiden Alben Online posten, da sich die Leute darüber den Kopf zerbrechen. Das war eben auch so eine stilistische Sache. Grade beim ersten Album wussten wir erst nicht genau wie Gesang in diese Welt der Musik die wir erschaffen hatten passen sollte. Es gibt auch ästhetische Aspekte - wie zum Beispiel der Gesang auf einem My Bloody Valentine Album funktioniert, er unterstützt das emotionale Gewicht der Musik, ohne in den Vordergrund zu rücken. Es geht eben nicht wie bei Singer/Songwriter z.B. darum, irgendeine Geschichte zu erzählen. Auf dem neuen Album gibt es dann auch schon mehr Gesang, und ich denke diese Entwicklung wird so weitergehen.
Wenn man sich mal das nicht geringe Interesse an euch als Band und eure Musik betrachtet, passt das gut zu der Entwicklung der letzten Jahre, das immer mehr Leute auch offen für etwas schrägere, unkonforme Musik geworden sind, für Musik, die nicht einfach nur vergangene Epochen kopiert.
Yeah. Es war halt mal so dass Rock'n'Roll Popmusik war, das, was Millionen von Alben verkauft hat. Dann gab es HipHop. Aber gleichzeitig gab es für Musikhörer, die anders waren, Indie Rock. Das haben Leute gehört die Musik mehr Beachtung geschenkt haben, das war die Hauptbühne für den Underground. Und als Indie Rock mehr und mehr Teil des Bewusstseins der Leute wurde, wurde es eine ganz eigene Subkultur der Popmusik, und ist nun ziemlich Mainstream. Aber in dem Prozess, und vor allem dank der einfachen und schnellen Kommunikation mit dem Internet, sind mehr und mehr Leute in Berührung mit abgefahrenerer Musik gekommen, die zwar ihre Wurzeln im Indie Rock hat, die aber vielleicht ein bischen schwerer zu verdauen ist, etwas krachiger. Das ist eine der großartigen Seiten des Internetzeitalters, die Leute sind in der Lage, Bands und neue Musik zu finden.
Es hat natürlich gute und schlechte Seiten. Musik wird auch mehr zu einem Zubehör, du hast deine Musik auf deinem I-Pod, und du skipst weiter, bevor der Song überhaupt durch ist. Aber die Information geht so schnell durch die Welt, und für eine Band für uns ist es schon fast ein bischen komisch, wie schnell es möglich ist, mit unserer Musik mit Leuten in der ganzen Welt in Kontakt zu kommen. Ich mein, ohne das wäre es sehr unwahrscheinlich gewesen, unserem Ziel, tolle Festivals zu spielen und ein anständiges Leben mit unserer Musik führen zu können, überhaupt nahe zu kommen. Diese Entwicklung war sehr gut für uns.
Es wird zum neuen Album erneut eine Platte mit Electro-Remixen geben, sinnigerweise Disco II betitelt. Wer zeigt sich dieses Mal für die Remixe verantwortlich?
Das kann ich nicht wirklich sagen, es ist noch ein Geheimnis. Aber ich denke wir werden für jedes unserer Alben ein Remix-Album machen, damit es eine Art symmetrische Balance dazwischen gibt.
Habt ihr von Anfang an geplant, das so zu handhaben?
Wir hatten das ziemlich früh so geplant. Als wir das erste Album aufnahmen, also bevor wir überhaupt wussten ob irgendjemand es veröffentlichen würde, wuchs in uns die Ambition ein Remix Album zu machen. Wir hören viel elektronische Musik, viel Dance Musik. Den ersten Remix den wir überhaupt gemacht haben war der Crystal Castles Remix von Crimewave. Wir waren einfach neugierig, was dabei heraus kommen würde. Das war sogar ein Remix von einer Demo. Noch bevor die Albumversion des Albums überhaupt fertig war. Er war so erfolgreich, und wir waren sehr glücklich damit, und wir wollten mal sehen wo wir damit hinkommen können.
Es geht bei euch auch viel um Fashion. Was würdest du sagen macht ihr anders als der übliche Merchkrams?
Wir wollen sichergehen das wir alles selber machen. Wir wollen absolute ästhetische Vereinheitlichung für alles was die Band macht. Ob du nun eine Single, eine 7' Single, ein Remix Album oder ein Album siehst, ob es nun die Schriftart ist die wir benutzen, oder minimale Designelemente, einfach alles, auch die T Shirts. John designed diese Sachen. Unsere erste Single hat ein wirklich minimalistisches, weißes Artwork, da wir einfach zu neurotisch waren, das Artwork in fremde Hände zu geben. Und das kam gut an, und es wurde eine Art ästhetische Basis für die Band. Wir wollen alles was mit der Band zu tun hat kontrollieren, es ist ein Package, und nicht so dass einer das Album produziert, ein anderer mischt es, und ein Typ macht ein T-Shirt für uns. So wollen wir die Dinge nicht handhaben.
In einem ziemlich großen deutschen Magazin wurde geschrieben, das Health in ihrer Art sowas wie die neuen Radiohead sein. Was meinst du könnte damit gemeint sein?
Wirklich?? Ich hab keine Ahnung. Wir sind vielleicht wie Radiohead im Rückwärtsgang. Sie haben ja sehr gradlinig angefangen. Ich habe immer gehofft wir könnten mit ziemlich verrückter Musik anfangen, und dann, wenn wir immer besser damit umgehen können, diese Elemente in gradlinigerem Songwriting unterbringen können, aber so dass es immer noch einzigartig ist.
Aber warum sie sowas sagen könnten? Vielleicht liegt es daran, dass Stanley alle ihre Artworks macht, und Radiohead eine sehr solide künstlerische Linearität haben in allem was zu tun, Artwork, Websites, und die Musik. Und das wollen wir ja auch, eventuell also deswegen.
|
|