|
Auch wenn dieses Interview so beschaulich und harmlos wirkt, es hat bereits eine monatelange Odyssee hinter sich, die Fragen wanderten von Deutschland nach Amerika und zurück, sie verschwanden und tauchten wieder auf. Es grenzt an ein Wunder, dass die Fragen ihre Antworten fanden, es war kein leichtes Stelldichein und nichts passte wie die Faust aufs Auge. Liest man Meinungsäußerungen von Hidden Cameras-Chef Joel Gibb, seinerseits in Berlin ansässig, so fällt ein gewisser Hang zum gewitzten Kommentar auf, aber auch zur Laune und zur Schroffheit. Kein leichtes Unterfangen also, gerade mit viel Drumherum und langer Verzögerung, dem aufmerksamen Geiste Gibbs gerecht zu werden. Aber man sehe selbst, ob und wie dies gelang:
Ihr seid in den letzten Monaten quer durch die Weltgeschichte getourt, habt in Amerika gespielt, in Europa, überall. Gibt es, gerade bei eurer sehr inbrünstigen und gefühlvollen Musik und euren hemmungsfreien und extrovertierten Konzerten, in der Reaktion des Publikums und in der Atmosphäre der Konzerte große Unterschiede von Ort zu Ort oder werdet ihr überall ähnlich aufgenommen?
Joel: Gerade touren wir durch Europa. Die Konzerte unterscheiden sich von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, z.B. ist der Unterschied zwischen Österreich und Deutschland recht markant: Während Österreicher weniger Hemmungen haben, braucht es einige Anstrengung unsererseits, Deutsche aufzulockern und zu Tanz und Spaß zu bewegen. Und kleine Städte wie z.B. St. Johns in Neufundland oder Bergen in Norwegen) freuen sich meist mehr über Musik, weil Bands weiter reisen müssen, um dort zu spielen, daher kein Überangebot an Konzerten besteht und die Menschen sich bereitwilliger der Freude an der Musik hingeben. Die Art eines Konzertes hängt wirklich an Land und Leuten: In Amerika z.B. gibt es einige Städte, deren Publikum wie für uns gemacht ist: San Francisco...
Der Sound der Hidden Cameras scheint sich um die Koordinaten Melancholie und Freude zu drehen bzw. mindestens sind diese beiden Gefühle sehr wichtig für die Musik- Glaubst, dass es mehr Melancholie oder Freude in der Welt geben sollte, sowohl in Form von Musik als auch im Alltag? Und sind die Hidden Cameras der Versuch, der Welt Melancholie und Euphorie zu geben?
Joel: Das ist eine interessante Sichtweise und ja, die Hidden Cameras stehen definitiv für eine Art Balance zwischen diesen beiden Extremen: Oftmals ist die Musik sehr freudig und verzückt, während die Texte eher melancholisch und traurig sind. Will man das Leben in seiner Fülle richtig wertschätzen, muss man auch Moralität und andere dunkle Realitäten des Lebens akzeptieren.
Welche Ziele sind die Antriebsfeder deines Songwritings, möchtest du deine Hörer z.B. provozieren, um ihnen so Offenheit und Toleranz näher zu bringen?
Joel: Es ist auf jeden Fall mein Ziel als Songwriter, Menschen neue, unbekannte und überraschende Ideen anzubieten, die sie zum Weiterdenken bewegen und ihre Weltsicht verändern.
Zu eurem aktuellen Album: Es scheint eine Mischung aus großen Gesten und recht billig wirkenden Sounds (die Synthesizer...) zu sein, aus Entzücken und Ambition. Um es überspitzt zu formulieren: Werden die Hidden Cameras nun seriös und ernsthaft?
Joel: Ich habe schon häufig das Wort "ernsthaft" im Zusammenhang mit dem neuen Album gehört, aber das ist mir egal. Das Album ist sehr facettenreich, ja, es kommen auch "ernsthafte" Momente vor, Momente der Furcht, aber auch sehr verspielte, unschuldige Elemente spielen eine nicht geringe Rolle.

Ich habe mich beim Hören der Musik der Hidden Cameras immer gewundert, warum diese wundervollen und schönen Melodien keine Hit-Singles sind, die über und über im Radio gespielt werden- Was denkst du, woran das liegt? An der Musik oder liegt die Ursache woanders? Möchtest du, dass die Hidden Cameras bekannter werden und vielleicht in Zukunft ein größeres Publikum ansprechen?
Joel: Danke für das Kompliment, aber ich weiß nicht... Ich laufe nicht umher mit der Frage im Kopf, warum wir nicht in den Top 10 sind. Das war nie mein Ziel gewesen, nicht 2000, als ich die Band gegründet habe und auch heute zählt das nicht. Nichtsdestotrotz: Ich würde gern ein größeres Publikum erreichen mit meinen Songs, nur ist es nicht das Hauptziel meines Lebens.
Ein sehr großes Konzert hatten die Hidden Cameras im Münchner Fußballstadion zum Abschiedsspiel von Bayern-Profi Mehmet Scholl. Dies scheint eine sehr außergewöhnliche und spezielle Konstellation zu sein- die Hidden Cameras treten vor lauter Fußballfans auf. Was für eine Erfahrung war das, was für Eindrücke hattest du?
Joel: Da wir Ehrengäste Mehmet Scholls waren, haben uns selbstverständlich alle freundlich behandelt. Es war das erste Mal, dass wir vor einer so großen Menge auftraten und das erste Mal, dass wir Playback gespielt haben, es war ein sehr surreales Szenario und ein Heidenspaß. Ich habe keine Ahnung, was die Fans gedacht haben, sie kauften alle Bier und bereiteten sich auf das Fußballspiel vor.
Vielen Dank für das Interview!
|
|