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Der reisende Indie-Pop Zirkus Los Campesinos! war in town. Mit ihrem dritten, famosen Album Romance Is Boring im gepäck ging es für die Wahl-Waliser auf ausufernde Europatour, die sich in Hamburg so langsam dem Ende nähern sollte. Sänger Gareth war hörbar gezeichnet, hatte kaum noch eine Stimme, kämpfte sich jedoch tapfer durch ein tolles Konzert, und gab vorher gar noch ein Interview. Da bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, aber gezwungen hat ihn ja keiner. Wahrscheinlich ist er aber auch einfach nur ein zu netter Kerl, um nein zu sagen.
Ich habe äußerst positive Resonanz über eure Show in Köln vernommen. Man kann also davon ausgehen, dass eure Tour soweit ein ziemlicher Erfolg war?
Yeah, es war toll. Köln war auf jeden Fall ein Highlight. Es war soweit meine favorisierte Show, denn es gab ein ziemlich gemischtes Puplikum. Ich glaube es war ab 14, und wenn du junge Leute bei einem Konzert hast, also welche die noch nicht alt genug zum Trinken sind, ist das sehr aufregend, denn sie steigern sich viel mehr rein. Ein paar Shows waren weniger aufregend, aber das passiert wohl auf jeder längeren Tour.
Euer neues Album trägt den Titel Romance Is Boring. Wenn man sich aber die Texte so vor Augen hält, könnte man meinen, das Romance alles Mögliche ist, aber nicht boring.
Ich würde das lyrische Konzept des Albums nicht wirklich als romantisch bezeichnen. Es behandelt viele Beziehungen und derlei, aber es hat nicht eine besonders romantische Sicht auf die Dinge. Es kritisiert eher diese gekünstelte und überbewertete Idee der Romantik, den wenn sich etwas immer und immer wiederholt, führt das zu Romantik, zu etwas, das eher wie eingeübt ist. Es soll also kein sarkastischer Titel sein, aber wenn es jemand so sieht, würde es auch Sinn machen. Dahinter steht auch die Doppeldeutigkeit des Wortes Boring - der Gedanke, dass sich alles seinen Weg in dich hinein bohrt, passt auch sehr gut zu den Texten des Albums.
Deine Texte sind wieder sehr persönlich. Bekommst du manchmal Probleme mit Leuten die sich dort wiederfinden und direkt angesprochen fühlen?
Da ist noch nicht wirklich was passiert. Das ist schon komisch, da sie so persönlich sind, ist es für einige Leute ganz klar, dass sie da grade angesprochen werden. Es ist hier und dort passiert, dass jemand nicht so ganz glücklich damit war, das hat mir nur nie jemand direkt gesagt.
Da wir inzwischen ein größeres Puplikum haben, und sich mehr Leute die Musik anhören, fühle ich mich weniger seltsam dabei, da es das persönliche Gefühl wegnimmt. Wenn sich z.B. in Deutschland jemand die Platte anhört, wird er wohl keinen der Leute kennen, über die ich singe. Und ich denke, sobald du diese Art von Gefühlen in einen Song steckst, und der Song wird veröffentlicht und jeder kann ihn sich anhören, nimmt das ein wenig vom persönlichen Element weg.
Aber ja, es gab wie gesagt Leute die sich wiedererkannt haben, sich gefreut haben oder auch nicht, aber ich habe da soweit noch immer Ärger vermeiden können.
Die Texte selber haben ja auch eher narrativen Charakter, und halten sich zumeist von typischen Strukturen fern.
Wenn ich die Texte schreibe fange ich damit an, eine Geschichte zu finden, die ich gern erzählen möchte. Das ist dann erst mal eine Art Kurzgeschichte, und von da an mache ich dann einen Song draus. Da die Songs ziemlich wortreich und detailliert sind, ist es auch eher schwierig sich da an gängige Strukturen zu halten. Chorusse fand ich schon immer seltsam, denn in einem Film, oder in einem Buch hast du nicht eine sich immer wiederholende Szene, oder Textstelle. Ich wollte Chorusse mal gänzlich außen vor lassen, aber ich gebe zu, das war eine blöde Idee. Aber diese Texte, die kommen eben so natürlich, so ist es mit allem was wir als Band tun, wir versuchen es nicht zu verkopft anzugehen. Wenn man über alles immer zwei- und dreimal nachdenkt ist es nicht mehr natürlich, und du fängst an die selbst nachzuahmen. Und das wäre der Tod für unsere Musik.
In musikalischer Hinsicht ist das neue Album ein ziemlicher Schritt nach vorne. Es ist vor allem ziemlich Abwechslungsreich geworden. Man hat dieses Mal richtig das Gefühl, es mit einem kompletten Album zu tun zu haben, und nicht mit einer losen Ansammlung an Songs.
Hold On Now, Youngster... war im Grunde jeder Song, den wir an der Universität geschrieben hatten. Wir hatten nie im Hinterkopf, dass daraus mal ein Album werden würde. Wir hatten einfach eine Band gegründet, und fingen an Songs zu schreiben, und irgendwann wurden wir halt gefragt ob wir ein Album aufnehmen wollen.
We Are Beautiful, We Are Doomed sollte ursprünglich nur vier oder fünf Tracks haben, aber wir brauchten dafür im Studio weniger Zeit als gedacht, daher nahmen wir noch mehr auf. Diesmal war es das erste Mal so, dass wir, bevor wir ins Studio gingen, uns überlegen konnten, dass wir ein komplettes Album aufnehmen. Wir wollen das Album so und so, wir wollen solch einen Song, aber auch so einen - es war das erste Mal das wir an einer zusammenhängenden Einheit arbeiten konnten.
Das Album hat auch eine äußerst gute Produktion. War es diesmal etwas einfacher, da ihr den Produzenten schon kanntet?
Ich denke schon. John Goodmanson ist ein wirklich großartiger, freundlicher Typ. Man muss sich ja nur die Bands anschauen mit denen er schon gearbeitet hat. Alles Mögliche, Sepultura, Wu Tang Clan, aber auch Sleater-Kinney, und ein paar meiner absoluten Lieblingsbands. Man hört auf dem Album, dass wir jetzt wissen wie man in einem Studio aufnimmt, und mit der Umgebung umgeht. Beim ersten Album hatten wir noch keine Ahnung was wir da tun, und waren von der ganzen Technik bloß eingeschüchtert. Jetzt wissen wir wie wir uns verhalten müssen, und wie wir das Beste aus uns rausholen. Mit John ging das dann wieder ziemlich schnell, und das hat dem Album sehr gut getan.
Fällt es euch manchmal schwer, bei der Menge an Leuten die ihr in der Band habt, und den vielen Instrumenten, die Songs im Studio nicht zu komplex werden zu lassen, damit ihr sie überhaupt noch vernünftig live spielen könnt?
Yeah. Auf jeden Fall. Bevor wir dieses Album aufgenommen haben hab ich mit Tom gesprochen, und wir haben uns entschieden, dass wir das beste Album das wir können machen wollen, und uns dabei keine Sorgen machen, wie wir das live umsetzten können. Es gibt viele Sachen, wie extra Streicher oder Blechbläser, von denen wir wussten, dass wir sie nie live dabei haben werden. Wir wollten aber nicht, dass es Einfluss auf das Album hat. Auf diesem Album haben wir geschafft, auch mit sieben Leuten auch mal etwas Platz zu lassen, ein bischen Ruhe, und nicht einfach ständig alles aufeinander aufzutürmen. Das ist etwas was wir auch auf dem nächsten Album weiter erforschen werden, der Nutzen von Freiraum und Atmosphäre, anstelle von nur Krach und Beschleunigung.
Tom wird bei euch ja stehts als alleiniger Songwriter angegeben. Inwiefern haben da die anderen denn noch Einflussmöglichkeiten?
Normalerweise schreibt Tom die gesammte Musik, nimmt sie als Demo in seinem Schlafzimmer auf und schickt sie mir. Dann schreibe ich die Texte, und bitte ihn eventuell noch hier und da Teile länger oder kürzer zu machen. Dann begeben wir uns in den Proberaum, und Tom erzählt jedem was er zu spielen hat. Dann können alle Vorschläge für Änderungen einbringen, denn wenn man z.B. Schlagzeug spielt, ist man da wohl eher ein Experte als Tom. Aber essentiell ist es in der Tat Tom, der alles schreibt, mit Hilfe der Expertise der anderen Bandmitglieder. Und natürlich schreibt Tom die Streicher-Arrangements zusammen mit Harriet.
Ist es nicht manchmal auch etwas mühsam, mit derart vielen Leuten im Studio zu stecken, und auf Tour zu sein?
Das einzige was wirklich etwas stört, vor allem jetzt wo wir grade sogar acht Leute sind, ist, dass es ziemlich teuer wird, mit so vielen Leuten zu reisen. Organisatorisches ist auch manchmal etwas schwieriger, da du immer mit sieben anderen Leuten telefonieren musst. Es hat aber auch wirklich Vorteile, vor allem im sozialen Umgang untereinander. Wenn du dich mal mit jemanden nicht so gut verstehst, hast du sechs andere Leute mit denen du dich beschäftigen kannst, und man kann sich etwas aus dem Weg gehen. Wir kennen es ja auch nicht anders, wir waren vorher nicht in anderen, ernsthaften Bands. Da wir auf Tour dann sogar 11 Leute sind, mit Merch und Sound, fühlt es sich da eher schon wie eine Fußballmannschaft als eine Band an.
Was euch ja vor allem auf der Bühne von den meisten Indie-Pop Bands unterscheidet, ist dass du als Sänger nicht noch ständig ein Instrument bedienst. Du kannst dich also nicht hinter einer Gitarre oder einem Bass verstecken. Wie ist das für dich, hast du lange gebraucht da die nötige Selbstsicherheit zu finden?
Ich hatte bisher immer noch etwas mehr auf der Bühne gemacht, ich spiele immer noch das Glockenspiel, aber ich habe ja auch mal das halbe Schlagzeug gespielt, und auf unseren ersten sieben Gigs oder so hab ich auch ein bischen Gitarre gespielt. Ich mag es die Freiheit zu haben zu tanzen, nicht still stehen zu müssen, und auch mit dem Puplikum interagieren zu können. Es macht einfach unheimlich Spass, und wenn man sich anschaut wie andere Leute auf die Musik reagieren, ist es eigentlich auch für mich ziemlich einfach.
Ihr seid nach eurem ersten Album ziemlich schnell populär geworden, was klar auch mit der freundlichen Unterstützung von ATP und Pitchfork zusammenhing. Fühlt ihr euch davon aber auch unter Druck gesetzt? Es ist ja so, wenn man in diesen neuen Medien nicht ständig präsent ist, gibt es ziemlich schnell einen Haufen anderer Acts, die einen den Rang abzulaufen drohen.
Die Art wie wir damit umgegangen sind hat uns sehr geholfen, und wir haben uns davon nicht überrumpeln lassen, obwohl es so schnell passierte. Wir haben immer gemacht was wir wollten, und uns nie höhere Ziele gesetzt als wir grade erreichen konnten. Wir haben unsere Ziele, seien es nun die Größen der Läden in denen wir spielen, realistisch angesetzt, und haben nicht versucht eine massiv populäre Band zu werden. Da wir selber uns eher langsam aufbauen geht alles sehr natürlich vonstatten. Es ist schon komisch, du musst nur einmal best new music bei Pitchfork werden, und schon stehst du unter Druck, die Leute beobachten dich, interessieren sich für dich.
Wir haben es ja auch am Anfang langsam angehen lassen, und haben alle erst unser Studium beendet, bevor wir mit der Band full time durchgestartet sind. Wir hätten das erste Album sogar ein Jahr früher veröffentlichen können sonst. Und wir wollten auf jeden Fall etwas langfristiges Aufbauen, und nicht nach dem ersten Album wieder verschwinden. Auch hat es geholfen dass wie Wer Are Beautiful, We Are Doomed so schnell hinterher geschoben haben.
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