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Reviews


Òlafur Arnalds - ... And They Have Escaped The Weight Of Darkness
Von Sebastian Schreck


Erased Tapes
VÖ: 14.05.2010
MySpace
Spielzeit: 43:32
Stil: Neo-Classic

Das Unterfangen, ernstzunehmende, ehrfurchtgebietende, elitäre Klassik mit umgänglicher, nur unterhalten wollender, unfeiner (die alliterative Symmetrie verführt zum Katechismus) Pop-Musik zu verbinden, ist genauso wenig neu wie die Trennung in E- ("Kunst") und U-Musik (populäre Musik) bieder und unsinnig (und, schlimmer noch: typisch deutsch) ist. Solche Projekte haben schon schlimme Blüten geschaffen: Man lasse sein Auge über den Beginn der 1970er Jahre schweifen und wende den Blick spätestens bei den Manierismen von Emerson, Lake and Palmer beschämt ab. Auch wenn natürlich nicht jedes Partikel des verwerflichen Ganzen genuin schlecht ist: Siehe die verspielte Verdrehung von Beethovens Mondscheinsonate in Because, zu finden auf dem Abgesang der Beatles, Abbey Road. Vielleicht liegt das Problem einer solch gewaltsam gesetzten Grenzlinie in der Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Wahrnehmung: Ernste Musik, die nur ein paar Kritiker und Kenner begeistert, aber von keinem gehört und gekauft wird, und Unterhaltungsmusik, die wirtschaftlich (inzwischen nicht mehr ganz so sehr, aber doch immer noch gerade im Vergleich,) durch die Decke geht. Dass die Distinktion ästhetisch sowieso für die Katz ist, sollte spätestens nach dem Vergleich der geilen Piano-Hookline aus der Fünften Ludwig vans mit jedermanns Gitarrenriff Smoke On The Water klar sein.

Der beschriebene Gegensatz von Klassik und Pop, er wird nicht nur von der Musik Ólafur Arnalds' ausgedrückt, er selbst verkörpert das Hin und Her am besten: War er doch früher Schlagzeuger einer Hardcore- Band, während er inzwischen schon ein Ballett seinem Oeuvre beifügen konnte. Und selbstredend steht hinter dem Titel seines zweiten Albums, dessen erdrückende Worte einem kleinen, ungarischen Film entnommen worden, ein Konzept, was sich auf nichts weniger als das rein ontische Leben bezieht: Die Dunkelheit (Not, Elend, Problem, Problem...), die uns beschwert und niederdrückt, aus der es aber immer ein Entkommen zum Licht (Friede, Freude, Eierkuchen...) gibt. (Aber der Tod, mein Herr, der Tod?) Entsprechend des inhaltlich roten Fadens entwickelt sich das instrumentale Kammerspiel um ein zumeist und zunächst melancholisch klimperndes Piano und eine traurige Violine herum, driftet selten bis nie, aber zum Ende hin, wenn die Flucht aus der Dunkelheit ins Licht gelingt, häufiger in lautere, schwelgerischere, positivere Passagen ab (ca. wie die weltabgewandte Kammerkunst von Sigur Ros minus des Prog). Kaum merklich und wenig memorabil gehen die Songs ineinander über. Nein, das ist kein Zeugnis meiner mangelnden Aufmerksamkeit, sondern dem Gespür für Pausen, Luft, Stille und der motivischen Wiederholung und Variation, die sich durch die Songs, nein besser: Stücke zieht, geschuldet. Pop-Konventionen sind abgestreift: Kein Gesang, rar gesätes Schlagzeug (ich zähle 4 von 9 Songs mit graduellem Drum- Einsatz). Einzig die Pop-Dramaturgie, die sich vage an die 3 Minuten- Grenze herantastet und deren Spannungsbogen dem medial kurzsichtig gewordenen Ohren der breiten Hörerschaft, auf die Ólafur Arnalds um mehrere Ecken herum ja doch zielt, entgegenkommt, einzig diese Strukturwesenheiten lassen das furchtbar anmutende Präfix des ungelenken Genres Neo-Classic zu. Zum Schluss jauchzen und schwelgen die Streicher über einem Marsch-Beat in die Stille.

Ein galantes Mittelmaß mit einer gehörigen Portion Zurückhaltung zelebriert sich hier. Leider verschmähen die Motive und Harmonien größtenteils die hypnotische Sogkraft, die ein Sichwiederfinden ermöglichen würde. Kein Wunder, dass mehr klassizistischer Elitarismus zurückbleibt, wo Emotionen stehen könnten. Pop-Hörgewohnheiten tendieren bei Konfrontation mit Klassizismus zur Ablehnung aus Pop-Schemata heraus oder zur übertriebenen Lobhudelei aus einem Gefühl der Unzulänglichkeit eben jener Pop-Schemata heraus. Beides liegt mir fern: Vielmehr bin ich ganz okay ergriffen, aber nein, Leben retten diese Songs nur bei viel Wohlwollen zur Musik und viel Antipathie für die eigenen Ungereimtheiten des schnelllebigen Zeitgeistes (also schon ein bisschen...).

7,5 von 10 Punkten



Tinnitus Bewertungsskala:
0-2 Müll! 3-4 Gerade noch hörbar 5-6 Mittelmaß 7-8 Gut 9 Spitze 10 Perfekt
 


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