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Polyvinyl Records
VÖ: 16.04.2010
MySpace
Spielzeit: 34:16
Stil: Beatpoppunkrock
Der Alptraum jedes Sicherheitssuchenden ist die Lustfantasie des Freigeistes ist Möglichkeit statt vorgegebener Bahn: Die Göteborger Band mit der Lebensweisheit im Namen, Love Is All, hatten zwei respektierte bis geschätzte Alben und ein paar zusätzliche EPs bei einem gern gesehenen Label, What's Your Rupture?, veröffentlicht, als 2009 ihr Plattenvertrag auslief. Gefahr (Armut, Gosse, Untergang) und Chance (süße, süße Freiheit), vereint als, archaisch gesprochen: Geschick. Sie nahmen Lieder auf und verschoben die Suche nach einem neuen Vertriebspartner selbstbewusst auf später. Sie konzentrierten sich auf die Songs und die Sounds, ohne Vorschriften, ohne Einschränkungen und ohne Termine. Sie ließen sich Zeit, aber widerstanden der Versuchung, sich in Kleinigkeiten zu verzetteln, genauso wie dem Dämon Mammon, dem sie sich nicht aus Gefälligkeit der Verzweiflung (in etwa: Zukunft, wo bist du?) anbiederten. Herausgekommen ist das dritte Album von Love Is All mit der Jahreszahl im Namen, Two Thousand And Ten Injuries.
Wurde die Musik denn schon kategorisiert? Der Grund, warum dies nicht der Fall ist, liegt in der Vielfalt der Stilistik, auch wenn der Bandsound nicht auf Eigenheiten verzichten mag und kann. Und damit sei natürlich auf die (sowohl im Sinne der Merkwürdigkeit als auch der Einzigartigkeit) eigenartige Stimme Josephine Olaussons hingewiesen, deren fundamentales Quietschen Grenzgang wie Charakteristikum zugleich ist. (Natürlich hält das Gesagte nicht von einem Vergleich ab, der dank seiner naheliegenden Dringlichkeit nicht nur um des Widerspruchs willen Erwähnung finden muss: Karen O, Kathleen Hanna.) Love Is All zählen zu den wenigen Bands, die ein Saxophon ganz ohne ironischen 80er Bezug zu ihren Grundkomponenten zähen kann. Immerhin. Ansonsten entspricht der Sound der modernen Definition von jugendlicher Rockrebellion, ist hibbelig, eckig und kantig und bedient sich dabei gekonnt der Geschichte vertonter Rockrevolte: Love Is All sind die coolen Lou Reeds in Lederklamotten, die vor dem Jugendtanz der 60er verbotene Musik hören. Coole, tausendmal gehörte Easy Listening- Synthie- Kleinoden (Take Your Time), hektische Stampfer mit Schweineorgel und Saxophonsoli- Eskapaden (Bigger Bolder), mild schreitende Girl-Pop- Nummern mit elegant fiebriger Gitarre (Never Now), geschmackvoller Beat-Punk (mit schönen Hintergrundchören: Less Than Thrilled), Disco- New- Wave (The Birds Were Singing With All Their Might), nun ja, ein Quasi- Reggae (False Pretense) hätte nicht unbedingt Not getan. Aber drei besonders gelungene Würfe seien zur Wiedergutmachung extra nachgeschoben und gepriesen: Kungen wegen seiner Mamas & Papas- Chöre, die zu kreischendem Saxophon den gewaltig rasanten (und sich beschleunigenden) Small Faces- Rocksound tragen. Und die stilsichere Riffgenauigkeit von Early Warnings, dessen Bababa nicht über die Schmerzen des Tages hinwegtäuschen kann und auch in aller Steigerung nicht soll, und Dust, ein waschechter Indie- Disco- Hit á la Le Tigre mit The Rapture- Riff, Saxophon, Sing- A- Long, catchy Synthie, punktgenauer Gitarre, treibendem Offbeat, Chorus And Response, das alles in einer Pop- Hymne für die Ewigkeit des Moments abhebend.
Der Stand der Rock-Musik am Anfang eines neuen Jahrzehnts ist nicht neu (und was ist daran neu?), aber gekonnt und stilvoll in Szene gesetzt, etwas sperrig, sehr beatig und punkig, aber auch mit vielen Pop- Momenten und Songs, die in aller Kürze nicht vor komplexen und waghalsigen Wendungen zurückschrecken. Eine feine Sache also.
8,5 von 10 Punkten
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